Das teilweise bestehende negative Image von Schlafmitteln hängt vor allem damit zusammen, dass bei gewissen Medikamenten nach längerem kontinuierlichem Konsum Abhängigkeiten und Absetzprobleme entstehen können.
Detaillierte Informationen zu einzelnen Schlafmedikamenten finden Sie im Internet. Wir möchten hier für Sie wichtige grundlegende Informationen zum Thema zusammentragen, die sich einerseits auf eine Vielzahl von Untersuchungen stützen und andererseits unsere langjährige Erfahrung wiedergeben.
Die Regulation des Schlafes und der Wachheit geschieht im Gehirn durch das Zusammenspiel vieler verschiedener Übertragungsstoffe (in definierten Hirnregionen oder -kernen). Medikamente können jedoch nur die Wirkung eines oder weniger Übertragungsstoffe so imitieren, dass das Schlafen erleichtert wird. Eine genaue Nachahmung des natürlichen Schlaf-Prozesses ist daher bis heute mit keinem Schlafmedikament möglich.
Der richtige Einsatz von Schlafmitteln
Wie bei jeder medikamentösen Behandlung müssen zusammen mit dem Arzt das Ziel, die Dauer der Behandlung und zusätzliche begleitende diagnostische oder therapeutische Massnahmen festgelegt werden: Diese Zielsetzungen sind entscheidend für die Wahl des richtigen Medikaments.
Grundsätzlich sollte das Medikament vor dem Schlafengehen oder beim Einschlafen eingesetzt werden und nicht erst später in der Nacht wenn man merkt, dass der Schlaf nicht funktioniert und schon wertvolle Erholungszeit verloren gegangen ist und die Gefahr besteht, dass das Medikament in den Morgen hinein wirkt.
Das Medikament kann dauernd (jede Nacht) oder nur intermittierend (2–4 Nächte pro Woche) eingesetzt werden. Die intermittierende Einnahme vermeidet Probleme der Abhängigkeit.
Genau so wie andere Medikamente sind auch Schlafmittel nicht bei allen Personen gleich gut wirksam und können wechselnde Nebenwirkungen verursachen. Deshalb müssen oft zuerst verschiedene Medikamente ausprobiert werden, um eine möglichst gute und nebenwirkungsarme Wirkung zu erzielen.
Zwei Punkte stehen bei der Beurteilung der Wirkung im Vordergrund:
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Der Schlaf muss unter der Behandlung genügend lang und erholsam sein.
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Morgens nach dem Aufwachen darf keine Restwirkung des Medikamentes mehr bestehen. Diese kann sich als Benommenheit, Müdigkeit, Anlaufprobleme, Schläfrigkeit u.a. äussern und muss von normalen Aufwachproblemen wie Schlafträgheit unterschieden werden.
Für den Schlafspezialisten ist grundsätzlich ein erholsamer Schlaf ohne Schlafmittel das Ziel bei der Behandlung von Patienten mit Schlafstörungen. Bei allen Schlafmitteln gilt der Leitsatz "so wenig wie möglich, so kurz wie nötig".
Die verschiedenen Schlafmittel
Der Begriff Schlafmittel ist sehr weit gefasst und umfasst einfache Hausmittel (z.B. warme Getränke wie Kamillentee oder ein Glas Milch mit Honig) ebenso wie verschreibungspflichtige Medikamente. Die häufigsten unter der Bezeichnung Schlafmittel zur Anwendung gelangenden Präparate werden deshalb im Folgenden vorgestellt und kommentiert.
1. Pflanzliche Mittel
Es gibt verschiedene pflanzliche Mittel, die auf eine bessere Entspannung vor dem Schlaf ausgerichtet sind und die durchaus hilfreich sein können. Dazu gehören:
Baldrian
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Es ist das am Besten untersuchte pflanzliche Beruhigungsmittel.
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Bei leichten Schlafstörungen kann dieses Präparat eine Besserung bewirken.
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Die Wirkung tritt verzögert ab circa vier Wochen nach Beginn der Einnahme ein.
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Die Qualität der erhältlichen Präparate ist sehr unterschiedlich, die übliche Dosierung beträgt 600 mg.
Kava
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wird zur Behandlung von Angststörungen und Schlaflosigkeit eingesetzt.
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Es dämpft die Hirnfunktionen, entspannt die Muskulatur und vermindert die Schmerzempfindung. Untersuchungen am Menschen haben vor allem eine Wirkung bei Angststörungen aufgezeigt.
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Die übliche Dosierung ist 100 mg.
Lavendel
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wird meistens in Form von Lavendelsäckchen unter dem Kopfkissen oder mittels Inhalation von Lavendelöl angewendet.
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Lavendel besitzt einen beruhigenden Effekt auf die Hirnfunktionen. Eine Verbesserung des Schlafs durch die Verminderung der körperlichen Unruhe ist festgestellt worden.
Johanniskraut
Melisse und Hopfen
Passionsblume
2. Nicht rezeptpflichtige Mittel
Alkohol
Alkohol ist das älteste gebräuchliche Schlafmittel. Die dämpfende und muskelentspannende Wirkung vermag das Einschlafen zu verbessern. Allerdings verschlechtert sich bereits bei kleinen Dosierungen die Schlafstruktur: Vor allem der Tiefschlaf (Delta-Wellen) wird gestört, der oberflächliche Schlaf nimmt zu. Infolge des nächtlichen Alkoholabbaus kommt es zu Durchschlafstörungen, insbesondere gegen Morgen wird der Schlaf unruhig. Weitere Symptome beim Abbau des Alkohols sind vermehrtes Schwitzen, Kopfschmerzen, unangenehme Träume und REM-Verhaltensstörungen. Durch die Verminderung der Muskelspannung erhöht der Alkohol das Schnarchen und allfällige Atemstörungen im Schlaf. Bei regelmässigem und hohem Alkoholkonsum wird der Schlaf langfristig gestört. Zudem besteht beim Alkohol ein grosses Suchtpotential. Alkohol darf als Schlafmittel nicht eingesetzt werden!
Antihistaminika
Antihistaminika sind ursprünglich Mittel zur Behandlung allergischer Reaktionen. Histamin ist ein wach machender Übertragungsstoff im Hirn. Antihistaminika hemmen die Wirkung dieses Stoffes und helfen so den Schlaf zu verstärken. Ihre Wirkung tritt allerdings nur langsam ein. Meistens haben sie eine lange Abbauzeit im Körper und können daher am nächsten Tag nachwirken (Hangover).
Medikamente: Diphenhydramin (Benocten, Detensor, Nardyl), Doxylamin (Sanalepsi)
3. Eigentliche, rezeptpflichtige Schlafmedikamente
Eine längerfristige Einnahme von rezeptpflichtigen Schlafmedikamenten lässt sich medizinisch nur in ganz wenigen Ausnahmefällen rechtfertigen, weil diese Präparate oft Nebenwirkungen verursachen und bei gewissen Medikamenten auch ein Abhängigkeitsrisiko besteht.
Benzodiazepine
ist der Oberbegriff für die am häufigsten verschriebenen und verwendeten Schlafmedikamente. Sie wirken beruhigend auf die Hirnfunktionen und können die Muskelentspannung fördern. Je nach Präparat wirken sie schneller, langsamer oder unterschiedlich lange. Heute werden meistens so genannte Nichtbenzodiazepine verordnet (z.B. mit dem Inhaltsstoff Zolpidem). Sie wirken zwar wie Benzodiazepine, weisen aber nicht dieselbe chemische Struktur auf und führen zu weniger Nebenwirkungen.
Eine Behandlung wird grundsätzlich mit kurzwirksamen Mitteln begonnen. Die gebräuchlichsten Medikamente haben die folgende Wirkungsdauer:
Kurzwirksame Benzodiazepine/Nichtbenzodiazepine (Ausscheidungshalbwertszeit < 6h):
Midazolam (Dormicum), Triazolam (Halcion), Zalepon (Sonata), Zolpiderm (Stilnox), Zolpiclon (Imovane) und Generika
Mittellangwirksame Benzodiazepine (Ausscheidungshalbwertszeit >6 h und < 20h):
Lorazepam (Temesta), Lormetazepam (Loramet/Noctamid), Oxazepam (Seresta), Temazepam (Normison)
Langwirksame Benzodiazepine (Ausscheidungszeit inkl. wirksame Abbauprodukte > 20h):
Flunitrazepam (Rohypnol), Flurazepam (Dalmadorm), Nitrazepam (Mogadon)
Die Dauer einer Behandlung mit Benzodiazepinen/Nichtbenzodiazepinen sollte grundsätzlich wegen der Abhängigkeitsgefahr 3–4 Wochen nicht überschreiten und immer unter ärztlicher Kontrolle stehen. Wurden Benzodiazepine/Nichtbenzodiazepine während mehr als 4 Wochen eingenommen, so sollte das Absetzen unbedingt mit ärztlicher Hilfe und nur durch langsames Ausschleichen erfolgen.
Antidepressiva mit dämpfenden Eigenschaften
werden oft anstelle von Benzodiazepinen/Nichtbenzodiazepinen zur Behandlung von Schlafstörungen eingesetzt, weil eine Gewöhnung und Abhängigkeit nicht zu befürchten ist. Sie eignen sich deshalb auch zur längerfristigen Behandlung, sie sind allerdings nicht nebenwirkungsfrei (z.B. können sie zu einem Abfall des Blutdrucks, trockenem Mund oder vermehrten nächtlichen Beinbewegungen führen).
Beispiele schlaffördernder Antidepressiva sind: Amitryptilin (Saroten/Tryptizol), Mirtazapin (Remeron), Trimipramin (Surmontil), Mianserin (Tolvon), Trazodon (Trittico).
Neuroleptika
sind dämpfende Medikamente, die Durchschlafstörungen verbessern können. Bestehende nächtliche Beinunruhen können durch Neuroleptika allerdings verstärkt werden, was den Schlaf dann negativ beeinflusst. Manche Neuroleptika haben zudem lange Abbauzeiten und können somit das Befinden am folgenden Tag beeinträchtigen. Eine Ausnahme bildet hier unserer Erfahrung nach Quetiapin (Seroquel), welches in kleinen Dosierungen oft gut vertragen wird und eine sehr gute Wirkung auf das Ein- und Durchschlafen hat.
Chloralhydrat
ist eines der ältesten Schlafmittel. Es wirkt vier bis acht Stunden und führt am nächsten Tag zu einem Hangover. Bereits nach ein bis zwei Wochen tritt ein Gewöhnungseffekt ein und beim Absetzen kann es zu Entzugsschlafstörungen kommen. In Kombination mit anderen Schlafmitteln kann Chloralhydrat zu nächtlicher Verwirrtheit führen. Beim Absetzen ist ein sehr langsames Ausschleichen wichtig.
Weitere Schlafmedikamente
die eine möglichst geringe negative Auswirkungen auf die Schlafstruktur (Schlafstadien) haben, sind in Entwicklung und warten in der Schweiz noch auf die Zulassung.
4. Spezielle, hormonelle Mittel
Melatonin
Melatonin ist ein Hormon, das jeder Mensch täglich selber produziert: Es wird nachts im Körper ausgeschüttet und regelt den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Irgendwann ab circa 20 Uhr beginnt normalerweise die Melatonin-Ausschüttung und gegen Morgen sinkt sie wieder, denn sie nimmt bei zunehmender Helligkeit (Morgenlicht) ab.
Nimmt man Melatonin in Form von Tabletten zu bestimmten Zeiten ein, so lässt sich damit der körpereigene Schlaf-Wach-Rhythmus verschieben.
In der Schweiz darf Melatonin von einem Arzt oder einer Institution mit einer Spezialbewilligung (z.B. den Kliniken für Schlafmedizin Bad Zurzach und Luzern) an Patienten mit einer nachgewiesenen Schlaf-Wach-Rhythmus-Störung abgegeben werden.
In vielen Ländern (auf dem Umweg über entsprechende Bezugsquellen auch in der Schweiz) wird Melatonin seit Jahren mit Erfolg zur Behandlung von Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen eingesetzt. In den USA ist Melatonin als Nahrungsmittelzusatz frei erhältlich. Deshalb ist die synthetische Herstellung dieses Hormons nicht mehr patentierbar. Das führt dazu, dass Hersteller nicht daran interessiert sind, die aufwändigen und sehr kostspieligen klinischen Studien durchzuführen, die für eine Zulassung als Medikament erforderlich wären. International wurden zahlreiche klinische Studien durchgeführt, welche die Wirksamkeit des Melatonins auf Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen zweifelsfrei belegen konnten.
Melatonin-Retard-Tabletten (mit längerer Wirkungsdauer) sind in manchen europäischen Ländern als Schlaftablette für Personen ab 55 Jahre schon zugelassen. Sie sollen gemäss Studien (während sechs Monaten bei insomnischen älteren Patienten durchgeführt) die Einschlafzeit und das Durchschlafen bei einem Teil der Betroffenen verbessern.
Über Nebenwirkungen ist bisher nichts bekannt. Für einen gezielten und erfolgreichen Einsatz von Melatonin-Präparaten muss jedoch unbedingt der individuelle Schlaf-Wach-Rhythmus bekannt sein, denn bei jedem Menschen ist der Zeitpunkt des Anstiegs von körpereigenem Melatonin verschieden. Nur wenn dieser Zeitpunkt ermittelt wurde, kann der Schlaf-Wach-Rhythmus mit Melatonin-Tabletten optimal reguliert werden (z.B. zur Regulierung von Schlafproblemen bei Schichtarbeitenden oder wegen Jetlags). Eine Einnahme von Melatonin-Tabletten "nach Gefühl" ist problematisch und nicht zu empfehlen.
Weitere Informationen finden Sie unter www.melatonin-check.ch
Östrogen
Dieses Hormon kann Frauen während der Wechseljahre zur Minderung von Schlafstörungen vom Arzt verordnet werden. Aufgrund möglicher Nebenwirkungen (z.B. Thromboserisiko, Brustkrebsgefahr) ist eine regelmässige ärztliche Kontrolle wichtig.
Mögliche Probleme bei der Anwendung von Schlafmitteln
Trotz der hohen Behandlungssicherheit mit den erwähnten rezeptpflichtigen Schlafmitteln können verschiedene Probleme auftauchen:
Hangover
Die Wirkung des Medikaments dauert am Morgen nach dem aufstehen noch an und führt zu Müdigkeit, Gangunsicherheit und mangelnder Leitungsfähigkeit. Besonders häufig ist dies bei älteren Menschen, bei Nierenerkrankungen oder im Fall der Einnahme zusätzlicher Medikamente.
Paradoxe Reaktion
An Stelle der einschläfernden Wirkung treten Nervosität, Anspannung und Erregung auf, die das Einsetzen des Schlafs verhindern.
Rebound-Phänomene
Darunter versteht der Schlafmediziner ein abruptes, oft mit Angst verbundenes Aufwachen aus dem Schlaf (vor allem bei sehr kurzwirksamen Medikamenten) oder die Schlaflosigkeit nach Absetzen eines Medikaments.
Nächtliche Stürze
Die muskelentspannende Wirkung kann bei älteren Menschen zu nächtlichen Stürzen führen.
Atemstörungen
Die Atemunterdrückung kann vorhandene nächtliche Atemstörungen (z.B. Schlafapnoe) verstärken.